Ohne Wachstum enden wir bei Trump oder den Extremen


    Kolumne


    Bild: zVg

    Vorletzte Woche richtete sich der Blick der Welt nach Davos ans Weltwirtschaftsforum. Dort sorgte der US-Präsident mit einer provokativen Deutung der globalen Wirtschaft für Aufsehen: Für ihn ist die Welt ein Nullsummenspiel – gewinnt der eine, verliert der andere. Den Wohlstand der Schweiz interpretiert er als Verlust der USA. Aus dieser Logik erscheint der angekündigte Zollhammer folgerichtig, zugleich aber beunruhigend.

    Donald Trump stellt damit die wirtschaftlich erfolgreichsten sieben Jahrzehnte der Menschheitsgeschichte infrage. Nach 1945 schwor die freie Welt unter Führung der USA, Abschottung zu überwinden und wirtschaftliche Zusammenarbeit zu stärken. Offenheit, Handel und gegenseitiger Nutzen wurden zum Fundament von Wachstum, Wohlstand und Stabilität. Der Zusammenbruch des Kommunismus 1989 schien diese Ordnung endgültig zu bestätigen.

    Tatsächlich haben Handel und internationale Zusammenarbeit den globalen Wohlstand massiv erhöht. Die absolute Armut – definiert als weniger als 1,8 US-Dollar pro Tag – ging zwischen 1980 und 2019 um rund 80 Prozent zurück. Möglich wurde dies vor allem durch die Integration hunderter Millionen Menschen in Asien und Lateinamerika in globale Wertschöpfungsketten. Gleichzeitig profitierten auch die Industriestaaten: Günstigere Importe senkten die Konsumentenpreise und führten zu realen Wohlstandsgewinnen für breite Bevölkerungsschichten.

    Trump ist dabei nicht der Ursprung, sondern der vorläufige Höhepunkt einer längeren Anti-Globalisierungsbewegung. Ihre ersten Wortführer kamen aus dem linken Lager: 1999 legten Globalisierungsgegner die WTO-Ministerkonferenz in Seattle lahm, später mobilisierten auch JUSO und ähnliche Gruppen gegen Freihandel und offene Märkte. Heute reagieren viele irritiert, dass diese Argumente längst von rechts übernommen und radikalisiert worden sind.

    In den vergangenen zehn Jahren haben weltweit immer mehr linke und rechte Populisten Wahlen gewonnen. 2023 war dabei ein historisches Jahr: Noch nie zuvor konnten so viele Menschen über ihre Regierungen abstimmen. Die politische Mitte verlor deutlich an Boden, während rechtspopulistische Bewegungen als klare Wahlsieger hervorgingen.

    Seither wird der Aufstieg von Trump, AfD, Rassemblement National und ähnlichen Parteien beklagt. Doch dieses Jammern verstellt oft den Blick auf die eigentliche Ursache: einen tiefgreifenden Vertrauensverlust in jene politischen und wirtschaftlichen Ordnungen, die über Jahrzehnte Stabilität und Wohlstand ermöglicht haben.

    Erklärungen liefern zahlreiche Forschungsarbeiten. Im Zentrum steht eine einfache Frage: Entsteht Wohlstand durch Fleiss und Zusammenarbeit – oder durch Glück und Beziehungen? Ist Reichtum ein Nullsummenspiel oder ein Positivsummenspiel, von dem viele profitieren?

    Die Forschung zeigt klar: Wer die ersten zwanzig Lebensjahre in einem Land mit schwachem Wirtschaftswachstum verbringt, glaubt deutlich seltener daran, dass sich Leistung und Kooperation lohnen. Stattdessen wächst die Überzeugung, Wohlstand müsse primär umverteilt werden. In entwickelten Staaten gehen sinkende Wachstumsraten auffallend oft mit einer zunehmenden Nullsummen-Denkweise einher.

    Ein ähnlicher Zusammenhang zeigt sich zwischen wirtschaftlichem Wachstum und liberalen Demokratien. Historisch gilt: Wo Wachstum stagniert, geraten auch liberale Ordnungen unter Druck. Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs die Zahl liberaler Demokratien rasch, getragen von Demokratisierung und wirtschaftlicher Öffnung. Als das Wachstum ab Ende der 1990er-Jahre nachliess, folgte zeitverzögert der politische Rückschritt.

    Zu lange sind wir zudem dem Narrativ der «Grenzen des Wachstums» gefolgt. Die historische Erfahrung zeigt jedoch: Gesellschaften geraten nicht wegen zu hohen, sondern wegen fehlenden Wachstums in Verteilungskonflikte – und zerfallen daran.

    Genau das erleben wir heute in Europa und auch in der Schweiz. Das Wirtschaftswachstum nimmt ab, während ein wachsender Teil der Wirtschaftsleistung in Konsum und Transfers fliesst – statt in Infrastruktur, Innovation, Dekarbonisierung oder Sicherheit.

    Statt über extreme Parteien zu klagen, müssen wir den Mut haben, Wachstum wieder zu ermöglichen: durch weniger Regulierungen, mehr Handel, neue Technologien – und ja, auch durch mehr und produktiveres Arbeiten. Das ist unbequem. Doch die Alternative ist klar. Auf dem Spiel stehen unsere liberalen Demokratien, unser Wohlstand und unsere Zukunft.


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    Zur Person:
    Stefan Brupbacher, promovierter Jurist, war Generalsekretär des WBF sowie der FDP Schweiz und sammelte Erfahrungen in verschiedenen Führungspositionen. Seit 2019 ist er Direktor von Swissmem und Vorstandsmitglied von Orgalim, dem europäischen Dachverband der Technologie-Industrien.

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